Jakobus

Ansprache des Pfarrers
von Triacastela

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Liebe Pilger,
mit Begeisterung und Hoffnung möchte ich den Glauben an Jesus von Nazareth mit Euch teilen.
Ihr seid es, die mich seit Jahren und noch immer am meisten in meinem Glauben ermutigen und anspornen. Ich möchte Euch meine Erlebnisse und Besorg­nisse bezüglich des Jakobsweges vermitteln und hoffe, daß es euch hilft.
Jeder Mensch stellt sich unendlich oft die ewige Frage:
Wer bin ich? Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wofür bin ich auf der Welt? Was braucht das Leben von mir? Und mein Leben, was braucht es vom Leben? Was erwarte ich von der Gesell­schaft und was biete ich ihr?
Wir alle suchen im Leben nach etwas oder jemandem, der unserem Leben einen Sinn und auch eine Antwort auf die Fragen gibt, die sich im Leben stellen.
Die Antwort liegt in einem selbst, in Euch selbst. Auch wenn Ihr manchmal die Hilfe derjenigen braucht, die an Eurer Seite wandern, müßt Ihr danach streben, alleine zu wandern, um dabei auf dem Lebensweg zu reifen. Christus war der erste Pilger. Obwohl der Weg gekenn­zeichnet ist, seid Ihr diejenigen, die den Weg erwandern müssen. Außer dem Bedeut­endsten ist alles andere noch zu erledigen, und Ihr seid ein unumgänglicher Bestanddteil im Gefüge dieser Gesel­lschaft, die noch aufzubauen ist, und sich, so gesehen, in den Grundlagen ihrer Existenz befindet.
Suchen wir einen Sinn im Leben, und das Leben wird uns helfen, einen Sinn in den Dingen zu suchen, die uns umgeben. Diese sollen zu unserem Dienste da sein und nicht wir zu ihrem Dienste. Wenn wir Sklaven von etwas sind, dann nur für die Liebe, aber weder für das Konsum­verhalten noch für den Materialismus. Versuchen wir, dem Leben einen Sinn zu geben, auch wenn das Leben uns manchmal als Unsinn vorkommt. Das Gefühl des Unsinns ist frustrierend. Das Erleben des Sinns ist erbaulich und kreativ. Seien wir die Architekten und Erbauer unseres Lebens, gestützt und verankert in Jesus von Nazareth. Auf diese Weise wird es ein reifes, ernst­haftes und verant­wortliches Leben in dieser Gesellschaft sein, die Ihr verbessern sollt.
      - Was bedeutet der Camino?
      - Geistigkeit oder Kultur?
Die Überzeugung und die Geschichte besagen, daß der Jakobsweg aus dem Glauben unserer Vorfahren entstanden ist, und daß aus diesem Glauben die Kultur gewachsen ist, die auf dem Camino zu bewundern ist; zwei Dinge, die sich ergänzen und nicht widersprechen.
      - Wandern oder Suche?
      - Tourismus oder Begegnung mit sich selbst?
Jede der beiden Optionen, Wandern und Tourismus oder Begegnung und Suche, ist sehr aner­kennens­wert, aber wenn man die ersten beiden wählt, gleicht sich die körperliche Anstrengung, die der Camino mit sich bringt, nicht aus. Es lohnt sich wirklich, etwas weiter zu gehen.
Von Kilometern besessen, können wir weder leben noch wandern. Die Stärke und das Erlebnis des Camino sind in eurem Innern, wenn Ihr es finden könnt.
Jeder Pilger sollte seinen eigenen Weg entdecken oder auf seinem Weg herausfinden, was sein Vorbild ist, mit dem er sich iden­tifizie­ren kann, und das für einen Christen Christus sein muß. Somit ist das Wichtigste auf dem Camino, daß jeder zu sich selbst findet und ebenso den eigenen Weg.
Und sich selbst zu finden, bedeutet, uns selbst anzunehmen, wie wir sind, fähig zu sein zu glauben und Lebenswege zu schaffen, die dem einen Sinn geben, was wir sind und wofür wir leben. Wir können uns nicht absondern und abseits von uns selbst leben, verloren in der Wüste der Zeit unserer Suche oder der Orien­tierungs­losig­keit. Es sind menschlich angeborene Entwicklungen. Beunruhigen wir uns deswegen nicht, denn es ist etwas Logisches. Seien wir Liebe beim Lieben.
Sich begegnen bedeutet, uns selbst zu sehen, wie wir wirklich sind und unsere Werte zugunsten der anderen zu steigern. Seid nicht zu kritisch mit Euch selbst, denn das menschliche Wesen hat mehr Vor- als Nachteile. Ich bin fest überzeugt, daß, außer in seltenen Ausnahmefällen, niemand mit Absicht Fehler begeht. Wenn wir es trotzdem tun, dann eben, weil wir Menschen sind.
Geht Euren Weg im Leben, auch wenn Ihr einen Fehltritt begeht, den wer stolpert und aufzustehen weiß, wird dadurch reifer und somit jemanden Positives im Leben.
Der Camino bedeutet auch, nach allen Seiten hin offen zu sein. Heute, wo wir so viel über die Welt als universelle Gemeinschaft sprechen, schließen wir uns manchmal in uns selbst oder in unserer eigenen Natur ein mit der fixen Idee, daß es das Beste sei. Somit öffnen wir den anderen weder Empfin­dungen noch Kultur, und so ersticken wir dabei. Wir selbst sind die Schuldigen. Wenn Ihr nicht das Gefühl haben wollt, daß Ihr allein in der Einsamkeit des Lebens lebt, öffnet euch den anderen, und so könnt Ihr immer von ihnen lernen. Jeder ist das was er erhält, gibt und was er ist.
Wir können den Camino auch als Brüderlichkeit bezeichnen. Miteinander teilen können, das Leben und die Ruhelosigkeit, den Überfluß und die Knappheit, die Werte verteilen und steigern, und ebenso unsere Fehler miteinander teilen und überwinden. Es ist ein sehnlichster Wunsch und eine Hoffnung, daß jeder selbst aus dem Kampf all das überwinden wird, was ihn daran hindert, sich zu freuen, um eine bessere Welt zu schaffen.
Wir wollen eine Werteskala erstellen und das Vorrangige vom Zweitrangigen unterscheiden, um das in unser Leben einzulassen, was wir am nötigsten brauchen. Es ist, sich selbst zu erkennen und Jesus von Nazareth näher kennen zu lernen. Mit ihm und neben ihm auf dem Lebensweg zu wandern, damit diese gerechtere Gemeinschaft, wofür er kämpfte, Wirklichkeit auf dieser Welt wird, jetzt, hier und heute. Wir haben es entstellt, wenn wir es mit der Gemeinschaft vergleichen, die er sich vorgestellt hatte und wofür er kämpfte. Christus kam, um uns zu erlösen. Es war, ist und wird immer seine Friedensmission sein. Es ist für uns notwendiger, die Liebe, die uns mit Jesus vereint, tiefer zu erleben als die Kleinigkeiten des Alltags.
Glaubt an die Jesusliebe und liebt Euch selbst der Liebe wegen und nicht aus Angst oder Furcht. Denn die Furcht in der Liebe führt uns zu einer Gemütslähmung. Ihr wißt, daß die Lähmung eine Rehabilitation erfordert, und Ihr wißt selbstverständlich auch, daß es unter klinischen Gesichtspunkten schwierig ist, wieder so zu sein, wie wir es einmal waren. Deshalb rate ich Euch, nicht zu stagnieren. Fordert von Euch nicht mehr, als Jesus von Euch verlangt. Überlastet Euch nicht mit der Zukunft, denn es gibt keine sorgenfreie Tage. Seid glücklich und versucht dabei, den anderen glücklich zu machen. Kämpft um Euer Glück und das Glück der anderen, ohne Euch zu verausgaben und den anderen zu überfordern. Befreit Euch von Schuldgefühlen und seid Jesus und seinem Auftrag treu. Es ist wirklich eine befreiende und zutiefst menschliche Aufgabe.
Er braucht uns nicht, wir brauchen ihn, aber um eine bessere Welt zu schaffen, werden wir alle gebraucht.
Seid stark und einfach wie Jesus. Wenn Ihr den Camino beendet habt und imstande seid, Jesus die Frage zu beantworten: Wer bin ich für Euch, für Dich konkret? Dann seid Ihr einen enormen Schritt in Eurem Leben vorangekommen.
Ich segne und ermutige Euch auf dem Weg zu Jesus von Nazareth.
Das wünscht Euch herzlichst

Augusto Losada López
Pfarrer von Triacastela

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